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Martin braucht Blut - wie Junkies ihr Heroin. Und er genießt es wie andere Sex. Der 18jährige schüchterne und verwirrte Psychopath ist ein Vampir - ohne Fangzähne, aber mit Rasierklinge. Er betäubt seine Opfer, mißbraucht sie und trinkt das Blut, das aus ihren Körpern spritzt. Verfolgt wird er von seinem Cousin Cuda, der ihn für einen echten Erben Draculas hält und vernichten will.

Kritik

                                              Der Moviebreak Horroctober: 22.10.2015 (Geheimtipps)

Nach einer Woche knietief im blutigen Slashersumpf, einer in unheimlichen Spukhäusern und einer in der Klassiker-Galerie des Horrorfilms, wollen wir euch in den folgenden sieben Tage den ein oder anderen weitläufig eher unbekannten Streifen ans Herz legen. Eine Woche voller Geheimtipps und sie beginnt gleich mit einem eigentlich großen Namen des Genres, den in der Klassiker-Woche gleich doppelt vertreten war. Die Rede ist von Ziehvater des modernen Zombiefilms George A. Romero („Zombie – Dawn oft he Dead), der durch seine legendäre (erste) Trilogie über den Zerfall der Zivilisation im Angesicht des (Un)Todes – ohne Ironie - unsterblich wurde. Fragt man den Durchschnittsfilmfan nach anderen Werken abseits seines „…oft he Dead“-Zyklus, wird in der Regel gegrübelt werden müssen. Vielleicht fallen noch Namen wie der seines Seuchenszenarios „Crazies“ (1973), der durch das Remake von 2010 wieder etwas aus dem Übergroßen Schatten seines Lebenswerks herauslinsen durfte oder die "Stephen Kings Stark" (1993), dann wird es meistens wirklich eng. Zu unrecht. Denn direkt bevor er mit dem Mittelpart der Trilogie sein Opus magnumkreierte, schuf er dieses in allen Belangen ungewöhnliche Kleinod mit dem schlichten Titel „Martin“.

Dass der Film bis heute keine größere Aufmerksamkeit zuteilwurde ist zwar bedauerlich, gleichwohl verständlich, denn selbst nach fast 40 Jahren fällt einem im ersten Moment nur wenig vergleichbares Material ein. Und wenn, dann ebenso zaghaft über die Jahrzehnte verteilt und in der verwinkelten Nische des Genres zu finden. Nichts an Romero’s Independent-Film erliegt irgendwelchen Konventionen, stemmt sich gegen jedwede Erwartungshaltung oder übliche Sehgewohnheiten und benennt diesen Umstand sogar einige Male direkt durch die Worte seiner Figuren. Ein reflektierter und ungeahnt intelligenter Umgang mit den Dogmen des eigenen Genres oder vielmehr den (Sub)Genren, zwischen denen „Martin“ sich extravagant hin und her bewegt. Ein im besten Sinne sonderbarer Hybrid aus Vampir- und Serienkillerfilm, der sich sehr lange nicht direkt in die Karten schauen lässt und den Zuschauer bewusst - auch aufgrund der etablierten Erwartungen, die er nicht bereit ist zu erfüllen – mit Vermutungen und Andeutungen füttert, irritiert, ohne sich festzulegen. Langsam entblättert sich daraus ein bedrückendes, verstörendes Psycho- und Soziogramm über ein Monster und doch armen Tropf auf einer rastlosen und obssesiven Jagd nach Blut, Körperlichkeit, Sex, Liebe, Anerkennung und letztlich doch nur der eigenen Identität, durch innere und besonders äußere Umstände vergraben unter einer verzerrten Selbstwahrnehmung, wenn nicht sogar schon lange irreparabel zerstört.

Was verbirgt sich hinter der unscheinbaren Fassade dieses introvertierten (oder schwer traumatisierten?) Einzelgängers Martin (John Amplas, „Zombie 2 – Das letzte Kapitel“)? Tatsächlich die Entmystifizierung des klassischen Vampirs, wie wir ihn (glauben zu) kennen? Der nicht durch Sonnenlicht, Kreuze und Knoblauch zu bändigen ist, der keine Fangzähne und schwarzen Umhang trägt, sondern seine Opfer mit einer Spritze betäubt um anschließend ihr Blut zu trinken. Ist er noch ein junger Bursche oder wie von seinem Cousin behauptet schon mehr als 80 Jahre alt und die Ausgeburt eines alten Familienfluchs, dem er als Auserwählter entgegenzutreten hat? Martin schein die Antwort selbst nicht zu kennen. Ebenso wie wir. Romero beantwortet diese Frage nicht endgültig, doch lenkt seinen Geschichte ab einen gewissen Punkt eher in eine bestimmte Richtung, die ihr noch ausreichend Interpretationsspielraum lässt, dennoch auf enorm tragische und bittere Art endet, wenn man die Wahrheit glaubt erkannt zu haben. „Martin“ ist alles andere als ein typischer Horrorfilm und dadurch ein ganz typischer Romero-Film zu seinen besten Zeiten, der wie bei seinen Sahnestücken einen sozialkritischen und zeitaktuellen Subtext miteinfließen lässt. Vampirismus als dunkler Fluch, Krankheit oder Verarbeitungsprozess eines durch religiösen Fanatismus geprägten, innerfamiliären Konfliktes, das selbstgeschaffene Monster, das Produkt seiner Umgebung? Angesiedelt in der Trostlosigkeit des verarmten Pittsburghs, (was Jim Jarmusch bei „Only Loves Left Alive“ in der toten Motor-City Detroit ähnlich verwendete) wo der Gottesdienst in schäbigen Barracken auf klapprigen Klappstühlen abgehalten wird. Als letzter Angelpunkt für Menschen, die nichts mehr haben außer ihren Glauben oder das, was sie daraus machen.

Fazit

Zwischen Filmkunst und Low-Budget-Experiment entfaltet sich „Martin“ zu einer nachdenklich stimmenden, Klischee-brechenden Studie über Mythen, Glaube, Psychosen, Erwachsenwerden… und nicht unerheblich über den Tod. Dass George A. Romero in den guten Tagen einen Horrorfilm durch unterschwellige Vielschichtigkeit ergänzt ist bekannt, dass er das eigentliche Genre dem offensichtlich hintenanstellt extrem gewagt, aber in seinem Resultat sehr nachhaltig. Für aufgeschlossene Filmfreunde zwingend der Selbstprüfung zu unterziehen, denn besser war Romero außerhalb der großen Drei nie(wieder).

Autor: Jacko Kunze

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