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Martha ist unverheiratet, noch unberührt und schon Anfang 30. In Rom lernt sie ihre große Liebe Helmut kennen. Sie heiraten, aber die Ehe entwickelt sich schon bald zum Alptraum, denn Marthas Erwartungen und Helmuts Ansichten sind völlig unterschiedlich, doch als treue Gattin gibt sie nach. Immer mehr unterdrückt Helmut Marthas Kontakte zur Außenwelt, und als sie nach einem Unfall an den Rollstuhl gefesselt ist, ist sie ein für alle Mal Helmuts sadistisch-liebevoller Pflege ausgeliefert.

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Quelle: themoviedb.com

Kritik

Über zwanzig Regiearbeiten hat Rainer Werner Fassbinder (Welt am Draht) in seinem Schaffensportfolio des Jahres 1974 bereits vorzuweisen gehabt – und das alles, bevor er seinen dreißigsten Geburtstag feiern durfte. Sicherlich ist der produktive Eifer kein ernstzunehmendes Qualitätsmerkmal, allerdings sind die Filme, für die sich Rainer Werner Fassbinder verantwortlich gezeichnet hat, alle auf ihre ganz individuelle Weise mindestens diskussionswürdig. Von Liebe ist kälter als der Tod bis Angst essen Seele auf. Ein größeres Kompliment hat es für den gebürtigen Wörishofener vermutlich nie gegeben: Gesprächsstoff (oder: Herausforderungen) zu liefern. Die Menschen dazu zu animieren, sich Gedanken zu machen und diese Gedanken in illustren Runden zu verbalisieren. Martha, wie sollte es anders sein, stellt ebenfalls eine dieser Fassbinder'schen Herausforderungen dar.

Wenn man sich nur einmal vor Augen führt, dass Rainer Werner Fassbinder Martha einst für das Fernsehen produzierte, möchte man doch geradewegs in einen tiefen Zustand nostalgischer Wehmut verfallen. Sicherlich, auch heute beseelen hochgradig talentierte Regisseure wie Dominik Graf (Die Katze) oder Philipp Kadelbach (Auf kurze Distanz) immer mal wieder die heimische TV-Landschaft. Eine derartig kantige Seherfahrung, wie sie Martha darstellt, allerdings sucht man heutzutage vergebens. Und 'kantig' ist hier nicht auf eine womöglich unrund laufende Inszenierung zurückzuschließen, sondern auf das widerborstige Wesen dieses Films, an dem man sich als Zuschauer vor allem dann reiben, stoßen und verletzen wird, wenn man der Wahrheit nicht in die Augen blicken möchte. Wobei die ein oder andere Blessur sicherlich nicht zwangsläufig etwas Nachteiliges mit sich bringen muss.

Martha (Margit Carstensen, Die bitteren Tränen der Petra von Kant) musste gerade erst mitansehen, wie ihr Vater auf der spanischen Treppe in Rom aufgrund eines Herzinfarkt sterbend zusammensackte, getrübt wird ihre Stimmung allerdings erst in dem Moment, in dem ihr bewusst wird, dass ihre Handtasche entwendet wurde. Wie Rainer Werner Fassbinder diese Szene bereits inszeniert, den Tod eines Menschen vor Augen und ein markerschütternder Schrei in den Ohren, dessen Aufmerksamkeit ganz dem gestohlenen Alltagsutensil gilt, sagt innerhalb weniger Sekunden viel über die Charaktere aus. Kurz darauf begegnet Martha im Hof der deutschen Botschaft der gutaussehende Helmut Salomon (Karlheinz Böhm, Sissi-Trilogie) und Martha schreibt Filmgeschichte. Wie Michael Ballhaus in einer ikonischen 360°-Kamerabewegung all die Weichen für die Beiden legt, ihre Zukunft voraussagt, sie umringen, umschlingt, miteinander verwurzelt und füreinander bestimmt, ist atemberaubend.

Ohnehin kann man Martha als Michael Ballhaus' Bewerbungsschreiben für Hollywood sehen. Was der Mann aus Berlin hier mit seiner Kamera, seinem all sehenden Auge, und einer einzigen Brennweite, anstellt, wie er Zwischenräume der Stille mit Leben füllt oder sie noch stiller erscheinen lässt, ist schlicht von beängstigender Kunstfertigkeit. Nur durch die Allianz aus Form und Inhalt, die sich in Martha nahe der Perfektion bewegt, gelingt es dem Film, derart wuchtige Beklemmung im Zuschauer heraufzubeschwören. Der größte Horror, das unterstreicht Rainer Werner Fassbinder, ist der, der der Liebe innewohnt. Oder dem Zustand, den man Liebe nennt. Nennen möchte. Nachdem das dreißigjährige Kind Martha mit ihrem Vater die Person verloren hat, die ihr Zeit ihres Lebens eingeredet hat, von Bedeutung für ihr Dasein zu sein, lässt sie sich auf Helmut ein, der nach den gleichen erzieherischen Methoden arbeitet, wie ihr autoritär-herrschsüchtiger Vater.

Martha hat niemals echte Zuneigung erfahren oder geben können, sondern war schon immer in einem Teufelskreis der Abhängigkeit von strengen Machtstrukturen gefangen. Helmut, den Karlheinz Böhm im furchteinflößenden Peeping Tom-Modus ausspielt, ersetzt ihren Vater. Einen Vater, der seiner Tochter anerzogen hat, unterwürfig zu sein. Triebfeder genug für Helmut, um diese Konditionierung noch weitergehend zu radikalisieren. Nach und nach raubt er ihr jeden Funken Selbstbestimmung und schafft es simultan dazu, mit süffisantem Lächeln, mit vordergründiger Zuvorkommenheit, mit unzweifelhafter Kultiviertheit, in ihr den Gedanken zu bewahren, diese Beziehung würde tatsächlich auf Liebe basieren. Diese Beziehung wäre tatsächlich richtig so. In Wahrheit testet Helmut nur die Leidensfähigkeit Marthas – und geht darüber weiter hinaus. Er nötigt sie zum Ertragen, weil Martha sich einredet, dass eine Ehe nun mal so auszusehen hat. Hier veräußert sich eine der bittersten Entlarvungen von Machtgefügen gesellschaftlicher Geschlechterrollen.

Irgendwann allerdings muss dieser Druckkessel Mensch, den Martha, eine Person, die all die Energie ihres Umfeldes in Anspruch nimmt, explodieren. Wie man es von Rainer Werner Fassbinder kennt, tritt diese Explosion in letzter Konsequenz auf: Reagiert wird erst dann, wenn es letztlich zu spät ist. Erst dann, wenn die „Liebe“ auch für die titelgebende Hauptdarstellerin pathologische Blüten treibt, möchte Martha ausbrechen, wähnt sich in Todesängsten, hat sich jedoch längst im Treibsand ihrer Unterwürfigkeit verloren. Ihr insgeheimes Sehen nach Lebendigkeit mundet in der absoluten Bewegungslosigkeit. Die letzte Einstellung ist Horror pur. Das Grauen, das Grauen, direkt hinter den aus edlem Zedernholz geschlagenen Haustüren des Bürgertums. Dass Margit Carstensen hier erneut unter der Ägide von Fassbinder brilliert, war abzusehen. Ihr affektiertes Spiel ist ein Parforceritt. Die wahre Sensation allerdings ist Karlheinz Böhm: Der in seinen Augen aufblitzende Hass kleidet Alpträume bis ans Lebensende aus.

Fazit

Es ist, wie so häufig bei Rainer Werner Fassbinder: Man muss sich erst auf das manierierte Wesen der Inszenierung einstellen. Ist man jedoch einmal in "Martha" gefangen, lässt einen der Film über seine gut zweistündige Laufzeit nicht mehr los. Fassbinders Entlarvung vom Machtgefälle innerhalb gesellschaftlicher Geschlechterrollen bedrückt als Psychogramm einer Frau, die nie erwachsen werden durfte, weil die Männer es ihr verboten haben. Die Liebe selbst ist hier nur ein vorgetäuschter Komplize des Hasses. Ein echter Horrorfilm.

Autor: Pascal Reis

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