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Der Kinder- und Jugendpsychologe Dysart bekommt einen neuen Patienten in seine Klinik, mit einem hochinteressanten wie abstoßenden Fall: Der 17jährige Stallbursche Alan hat sechs Pferden mit einer Sichel die Augen ausgestochen. Nur mühselige dringt der selbst schon lange mit sich und seiner Unzufriedenheit ringende Therapeut zu dem introvertierten und traumatisierten Jungen durch, hinter dessen Bluttat ein von Kindesbeinen verkorkstes Leben steckt.

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Kritik

Bei Equus – Blinde Pferde nahm sich Meisterregisseur Sidney Lumet (Serpico) dem gleichwohl erfolgreichen wie gleichzeitig umstritten diskutierten Bühnenstück von Peter Shaffer an, welches 2007 zu erneuter, medienwirksamer Aufmerksamkeit kam da der sich von seinem Harry Potter-Image freistrampelnde Daniel Radcliffe dort die Rolle des jungen Patienten übernahm und sich dementsprechend…nennen wir es mal mutig…zu präsentieren hatte. Der Film wurde kaum weniger kontrovers aufgenommen, sowohl vom Inhalt wie der Form der Adaption, die manche Kritiken als misslungen erachteten. Im Gegenzug wurde der Film an anderer Stelle als Meisterwerk gefeiert, erhielt drei Osacar-Nominierungen, zwei Golden Globes und eine BAFTA-Auszeichnung. Aber wahrscheinlich dürfte man einen Film wie diesen wirklich erst als gescheitert bezeichnen, wenn er eben nicht derartig breitgefächerte Wahrnehmungen und Meinungen hervorrufen würde. Im Nachhinein ist es gar verwunderlich, dass er speziell in den USA überhaupt so aufgeführt werden konnte und mehrfach für deren wichtigsten und gleichwohl prüdesten Filmpreis ins Rennen ging. Denn unabhängig davon, dass es sich bei der Vorlage um ein britisches Stück handelt: Niemals hätte Lumet das in Hollywood so verfilmen dürfen. Selbst in den 70ern nicht.

Der Film beginnt mit einem zur damaligen Zeit noch ungewöhnlichen Stilmittel: Dem Bruch der vierten Wand. Wenn sich die Figur des Kinderpsychologen Dr. Dysart (Richard Burton, Wer hat Angst vor Virginia Woolf?) direkt an das Publikum wendet und ihm zu einem offensichtlich viel späteren Zeitpunkt – völlig desillusioniert, aber mit einer lodernden, fast aufbrausenden Überzeugung in den Augen und bebender Überzeugung im Tonfall – beginnt, diese Geschichte zu erzählen. Die Geschichte des 17jährigen Stallburschen Alan Strang (der damals 24jährige Peter Firth, Tess, für den dies seine mit Abstand größte und wichtigste Rolle bleiben sollte), der in sein Sanatorium eigewiesen wird, nachdem er sechs Pferde aus unerklärlichen Gründen mit einer Sichel geblendet hat. Diese Geschichte, die immer mehr auch seine, ihre gemeinsame Geschichte werden soll. Denn die schwierige Therapie des verstörten Jungen entwickelt sich nicht nur zu einer abgründigen Reise durch ein hochgradig dsyfunktionales Elternhaus.

Dominiert von religiöser Bigotterie; unter dem Deckmantel britischer Contenance ehelich ausgetragene Klassenkämpfe auf dem Rücken einen Kindes; lieblosem Gehorsam und voller unausgesprochener Konflikte, die zu einem bizarr-verzerrten Wahrnehmungsbild geführt haben. Sondern sie öffnet dem Therapeuten auch die Augen über sich und das, was er jahrelang vor sich selbst nicht eingestehen wollte. Und führt ihn schlussendlich sogar zu einem sonderbaren Konflikt: Ist es dem Jungen wirklich dienlich, ihn von seiner „Anomalie“ zu heilen? Oder zerstört er damit bei ihm womöglich nur das, was er selbst in seinem Leben insgeheim sehnlichst vermisst? Was Alan getan hat ist grausam, keine Frage. Was ihn dazu verleitete, was mit ihm geschehen ist, ist grausam, keine Frage. Aber was aus diesen ganzen Grausamkeiten für eine heimliche, intime und von Grund auf ehrliche, sinnliche Knospe der Leidenschaft entsprungen ist, darum beneidet ihn der ausgehöhlte und eigentlich leblose Arzt. Mag sie noch so verstörend und gesellschaftlich wie ethisch inakzeptabel sein. Aber wenigstens hat er eine Passion, woran es ihm schon lange schmerzlich mangelt. Der Weg zu dieser Selbsterkenntnis und dem kaum zu lösenden Konflikt zwischen psychiatrischer Verantwortung, gesellschaftlicher Konformität und emotional-ethischen Empfinden ist steinig und entwickelt sich zu einer Art gemeinsamen Therapie, an deren Ende kaum ein für alle Parteien befriedigender Abschluss stehen kann. Wahrscheinlich sogar für keine. Aber wenigstens eine ehrliche Auseinandersetzung damit. Was viel zu lange überfällig war.

Fazit

Mit „Equus – Blinde Pferde“ wagt sich selbst ein Meister wie Sidney Lumet noch mal ein weites Stück über den eigenen Tellerrand hinaus. Waren seine Filme trotz ihrer Qualität und oftmaligen Brillanz doch ganz klar und wenig ambivalent veranlagt greift er sich hier eine Vorlage, die die Diskussion automatisch mit sich bringt und setzt es dann auch noch so mutig und hemmungslos um, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt. Kaum auszudenken, wie manche US-Sittenwächter aufgrund von Inhalt, Präsentation und Aussage hier Sodom und Gomorrha geschrien haben dürften, inklusive eine experimentierfreudigen und wenig massenkompatiblen Inszenierung, die aber nur Lumet’s unglaubliche Vielschichtigkeit unterstreicht. Sein gleichwohl abgründiges, ungemein faszinierendes und trotzdem sensibles, feinsinniges Psychogramm ist wie ein Ritt im Mondschein und ein grausames Massaker zugleich. Und ganz nebenbei eine der besten Leistungen von dem damals schon schwer gezeichneten Richard Burton, der seinen eigenen Zustand in eine Waffe verwandelt. Augenscheinlich müde, verlebt und ausgebrannt überträgt er das 1:1 auf seine dazu passende Figur und erfüllt sie immer dann mit so viel authentischer Emotion, dass die Verschmelzung von Schauspieler und Rolle beängstigend authentische Formen annimmt. Ausklingend mit dieser fantastischen Einstellung. Diesem Monolog, wenn der Hintergrund in Dunkelheit versinkt und sich die Kamera immer weiter und weiter an sein Gesicht saugt, bis nur noch das ebenso Pechschwarze seiner Pupille im Zentrum steht. Ein Seelenstriptease. Auf mehreren Ebenen.

Autor: Jacko Kunze

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